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29.05.2002

Computerviren zum Anfassen

Mit wenigen Mausklicks auf Dateien wie „bad boy“ oder „suicide“ wird der PC im Museum für Angewandte Kunst zum finalen Crash gebracht. Solche Erfahrungen sind Teil der jetzt in Frankfurt am Main eröffneten Ausstellung „I love you. Computer. Viren. Hacker. Kultur“, die zu einer Gratwanderung in den digitalen Untergrund einlädt.

„Der Computervirus ist eine Ikone des digitalen Alltags, die uns alle schreckt“, sagte Ausstellungsleiterin Franziska Nori beim Eröffnungsrundgang. „Hier könnt ihr mit Computerviren spielen!“ Die wissenschaftliche Leiterin der Abteilung digitalcraft am mak.frankfurt, wie sich das Museum kurz nennt, will die Besucher aber nicht zu „bad guys“ heranziehen, sondern vielmehr den Mythos entzaubern, der Themen wie Computerviren und die Hacker-Kultur umgibt. „Wir wollen zeigen, dass Menschen dahinter stehen“.

Das sind Menschen wie der in Italien geborene und jetzt in Wien lebende „Cyberfunker“ Jaromil, dessen Virus offenbar so gefährlich ist, dass sein Code selbstironisch nur hinter Glas gezeigt wird. Das aus nur einer Zeile bestehende Programm startet auf einem Unix-Rechner eine Endlosschleife, die das System in die Knie zwingt. Jaromil alias Denis Roio betrachtet Viren als einen „rebellischen politischen Akt“ gegen diejenigen, „die das Netz zu einem virtuellen Marktplatz machen wollen“.

Die Gegenposition vertritt die ebenfalls an der Ausstellung beteiligte Softwarefirma Symantec. „Wir betrachten das Schreiben von Viren als ethisch verwerflich“, sagte der Leiter des europäischen Virenforschungszentrums von Symantec, Eric Chien. „Wir wollen den Virenentwicklern immer einen Schritt voraus sein. Aber wir befinden uns in einer Art Wettrüsten. Die Virenprogrammierer versuchen immer wieder, unsere neuesten technischen Entwicklungen auszutricksen.“

Besonders bedrohlich hält Chien Schädlinge wie „Code Red“, die ganze Computernetze attackieren und von Symantec als neue Generation von „Viren mit komplexer Bedrohung“ bezeichnet werden. Zwischen diesen Positionen sucht die Kunsttheoretikerin Nori nach Antworten auf die Frage: „Wer sind diese Hacker, die entweder glorifiziert oder dämonisiert werden?“ Dazu spannt die Schau den Bogen zur digitalen Kunst und zeigt unter anderem Projekte der experimentellen Poesie, deren Verse die Zeilen eines Software-Quellcodes bilden. Beim Flugzeugsimulator von Carl Banks bilden Form und Inhalt eine vollendete Einheit: Der nur 1536 Bytes große Quellcode ist so dargestellt, dass die Zeilen den Umriss eines Flugzeugs abbilden. Wird das Linux-Programm kompiliert, also in die Maschinensprache des Computers übersetzt, wird damit der Flug einer „Piper Cherokee“ simuliert.

Ist solcher Quellcode jetzt Literatur oder Software? Die bis zum 13. Juni geöffnete Ausstellung lässt nicht nur diese Frage offen. Von den Antworten der Besucher wird es abhängen, wie der digitale Alltag in zehn Jahren aussieht. Peter Zschunke, AP

Mehr zum Thema:

http://www.mak.frankfurt.de/


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